Pferde Wallfahrt: Die Leonhardi-Fahrt
Ein außergewöhnlicher Brauch in OberbayernDer Leonhardi-Tag in Oberbayern beginnt leise. Um fünf Uhr früh bimmelt die Glocke der Dorfkirche, aber nur vereinzelt ist Licht in den Häusern zu sehen – noch schlummern die Feriengäste unter warmen Federbetten. Und doch ist manches anders am 6. November im Tölzer Land. Schon im Morgengrauen werden in Haus und Hof Mädchen und Pferde frisiert und kunstvolle Zöpfe geflochten. Jungfrau und Wagen, Ross und Reiter werden geschmückt wie nur einmal im Jahr zur Wallfahrt des Heiligen Leonhard.
Über diesen frommen Mann ist nur wenig bekannt. Er soll im 6. Jahrhundert als Einsiedler nahe der französischen Stadt Limoges gelebt haben und an einem 6. November gestorben sein. Die Legende erzählt, er habe sich für die Gefangenen eingesetzt. Zu seinen Attributen zählt daher die Kette, aber auch Ochse und Pferd – das Volk machte ihn zu einem Patron jener Tiere, die angekettet im Stall stehen. Alljährlich bitten die bayerischen Bauern um seinen Segen, und im Isarwinkel, so erzählt der Tölzer Stadtpfarrer Rupert Frania den Besuchern, gab es bisher keinen einzigen BSE-Fall. „Ich sage jetzt nicht: Das war der Heilige Leonhard. Aber seither waren schon besonders viele bei der Wallfahrt dabei. Die Bauern wissen: an Gottes Segen ist alles gelegen.“ Und sie tun alles, um diesen Tag zu feiern.
Eilig in die Wägen
Aber es muss schnell gehen an diesem Morgen – für ein langes Frühstück ist keine Zeit. Die Pferde scharren und
werfen die Köpfe in die Luft, dass die Kummet-Glocken um so lauter bimmeln. Das ist das Signal für die Frauen und Mädchen: schnell, schnell, auf den Wagen! Über eine schmale Holzleiter besteigen sie das Gefährt, lupfen die antiken Röcke und Unterröcke – darunter kommen moderne Skiunterhosen zum Vorschein. Fuchspelz wärmt das Dekolleté, vor dem Mund stehen die Atemwolken. Mit dem silbernen Miedergeschnür, den Goldkrönchen oder Schnurhüten, den schweren Stoffen und Wolltüchern hat das Gewand einer Frau den Wert von einigen tausend Euro. Und die Röcke sind sehr weit, verbergen sie doch die Picknick-Körbe mit Flaschen, die erst nach dem Segen geöffnet werden.
Nicht immer fällt der 6. November auf ein Wochenende, aber stets ruht in Bad Tölz am Leonharditag die Arbeit und die Stadt füllt sich mit Menschen zur größten Leonhardi-Fahrt Bayerns. Auch andere Gemeinden feiern den Heiligen der Pferde durch Fahrten, Ritte und Segnungen: Von Anfang Oktober bis Mitte November reiht sich Fest an Fest in Oberbayern. In Bad Tölz sind es meist über achtzig Wagen, die über die Isarbrücke rollen – mal mit duftenden grünen Zweigen geschmückte Leiterwägen, mal alte Kastenwägen, bemalt mit dem Bild des Heiligen Leonhard, die nur für diesen einen Tag gehütet und gepflegt werden. Wenn es in die Stadt hineingeht, den Markt hinauf, bewegen die Frauen die Lippen zum Gebet und lassen die Rosenkranz-Perlen durch die Finger gleiten – die Wallfahrt hat begonnen.
Einen Überblick über Leonhardifahrten in Oberbayern erhalten Sie hier...






