Tradition und Brauchtum im Winter
Kletzenbrot und Perchten, in Oberbayern werden Bräuche gepflegt
Schneebedeckte Berge, glitzernde Lichter in den Fenstern und der Duft von weihnachtlichen Köstlichkeiten – traumhaft ist die Adventszeit in Oberbayern. In den Wochen vor Weihnachten lohnt sich nicht nur ein Besuch wegen der wunderschönen Christkindlmärkte, sondern auch, weil es die oberbayerische Adventsküche zu entdecken gilt.
Wenn die Tage kürzer werden, wird in Oberbayerns Stuben wieder mehr gebacken: Vanillekipferl, Husarenbusserl, Spitzbuben und Spritzgebäck sind ganz typische Leckereien, vor allem zu Weihnachten – obwohl sie früher einmal einfaches Teegebäck waren. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die Frauen damit, die bunten Teller der Familie mit selbstgebackenen Plätzchen zu füllen. Selbstgemachtes galt als bürgerliche Tugend und so lagen auf den bunten Tellern nun Buttergebäck mit Puderzucker oder einer Marmeladenfüllung und Spritzgebäck. Zuvor war vor allem das Kletzenbrot als weihnachtliche Backware bekannt. Es wird auch Birn- oder Hutzelbrot genannt, nach den getrockneten Birnen darin. Das Kletzenbrot war der unfeine kleine Bruder des Stollens, putzte sich aber im Laufe der Jahrzehnte heraus. Während die süßen Plätzchen auf dem bunten Teller der Lieben landeten, wurde das Kletzenbrot dem Besuch serviert, der zwischen Weihnachten und Neujahr vorbeischaute. Am Heiligabend wird in der Region meist nur einfach gegessen, denn nach dem Essen geht es noch in die Christmette. Wenn der Christbaum dann feierlich erstrahlt, leuchten nicht nur die Kinderaugen. Auch für viele Erwachsene ist dieser Augenblick einzigartig – Jahr für Jahr. In welchem Stil der Baum geschmückt ist, das ist auch in Oberbayern von Wohnzimmer zu Wohnzimmer verschieden. Traditionen, Mode, Nostalgie – all das spielt eine Rolle beim großen Baumputz. Noch vor dem Christbaum wurde in manchen Regionen Oberbayerns eine andere Tradition gepflegt, die heute ihre Renaissance erfährt. Ähnlich wie der Adventskranz hat das so genannte Paradeisl vier Kerzen, die an den Adventssonntagen und am Heiligen Abend entzündet wurden. Gerade im Raum Garmisch-Partenkirchen gibt es inzwischen wieder verschiedene Gärtner, die das pyramidenförmige Gesteck aus Äpfeln, Haselnuss- und Tannenzweigen für die Weihnachtszeit binden. In der Mitte baumelt eine mit Goldfarbe bemalte Walnuss an einem roten Band. Am heiligen Abend darf die Nuss geöffnet werden und in ihrem Inneren erscheint, auf Engelshaar gebettet, ein kleines Christkind aus Wachs – der Erlöser, der den Weg ins Paradies bereitet.
Bräuche in der Adventszeit haben eine lange Tradition. Nicht nur im Advent, sondern auch in den Rauhnächten zwischen dem Thomastag am 21. Dezember und dem 6. Januar werden in Oberbayern alte Bräuche und Traditionen gelebt. Die
sind eine Zeit der Wiederkehr der Seelen, Frau Holle geht
um, Hexen und Kobolde treiben ihr Unwesen, Tiere sprechen. In den Rauhnächten entscheidet sich das Geschick des Lebens und es gibt eine Menge Orakel, auf die man besser achtet: Wer in dieser Zeit die Tür laut zuschlägt, hat im Sommer den Blitz zu befürchten. Wer Erbsen und Hülsenfrüchte zu sich nimmt, bekommt bald Krätze und Geschwüre. Ist der moderne Mensch frei von diesem Zauber dieser Tage? Wohl kaum, denn auch heute bleibt eine schwer fassbare Magie, die über diesen Tagen der staaden Zeit liegt. Brauchtum kommt von brauchen und auch der moderne Mensch sucht den Halt in Tradition und Wurzeln. Der 21. ist Wintersonnenwende, das Alte ist noch nicht ganz gegangen, das Neue ist noch nicht stark genug. Unsere Ahnen hat das geängstigt und sie haben auf ihre Weise dagegen angekämpft. Wie kämpft man gegen das schwer Fassbare? Mit Lärm, einem Höllenlärm – und Katzenmusik, um Hexen und Unholde davon zu jagen. Die Tradition der Böllerschützen wie zum Beispiel in Bayerisch Gmain zeugt davon. Krach machen ist oberstes Gebot auch bei den Perchten, Perschten oder Bearschten. Frau Percht oder die Percht ist Schicksalsfrau seit der Antike, die auf Ordnung achtet. Im 16. Jahrhundert wurde ihr Name auf wilde Teufelsgestalten übertragen, die Kirche verbot Perchtenläufe alsbald. Aber im 19. Jahrhundert waren sie wieder da, heute stärker als je zuvor: In Kirchseeon ziehen schaurige Gestalten in Fell und Leder gewandet von Haus zu Haus.