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Brauchtum in Oberbayern


Auch die Kühe werden prächtig geschmückt
Der oberbayerische Sommer hat begonnen. Wer ihn zu nutzen weiß, der wird darin finden, was Glück ausmacht. Es kreuzen weiße Segel im Chiemsee, die Kampenwand und die Hochplatte grüßen im blauen Dunst, in den Biergärten unter den Maibäumen sitzen die Menschen, die Landschaft ist voller Farbtupfer, voller Leben, voller Fröhlichkeit. Hört man heiteres Lachen? Kommt es aus dem Pfaffenwinkel? Aus dem Chiemgau oder dem Berchtesgadener Land? Bauern sind auf den Wiesen unterwegs, die Donau fließt geruhsam an Ingolstadt vorbei, an der erfrischenden Isar bei Lenggries rasten ein paar Radwanderer, und in München scheint die Nachmittagssonne auf Buchläden und Cafés, während man sich auf der Auer Dult jetzt einen Steckerlfisch und eine Maß Bier und danach Mandeln kaufen könnte...

Zwischen Donau und Alpen weiß man, dass das Paradies seinen irdischen Sommergarten eröffnet hat – und man weiß die Götter zu begrüßen. Der Mesner fährt ins Holz hinaus, um junge Birken zu schneiden, und am späten Nachmittag klingt ein helles Hämmern durchs Dorf: Kleine Löcher werden in den Staub neben der Straße getrieben, worein der Mesner die Birken steckt. Nachbarinnen kehren mit dem Besen die Gehsteige vorm Haus, während die Birken noch etwas Wasser bekommen. Dann ist das Tagwerk getan, und man bereitet sich auf den morgigen Festtag vor: Fronleichnam, heuer am 10. Juni, ist der vielleicht schönste Festtag des Sommers; dieses uralte Fest, das schon in vorchristlicher Zeit zu Ehren des wieder auferstandenen Vegetationsgottes buchstäblich begangen wurde. Deshalb wohl scheint an diesem Tag (fast) immer die Sonne! Die frische Morgenluft erwärmt sich, ein Windhauch führt den Duft der Gräser und Sträucher in den Gärten mit sich, und den Weg schmücken die Blüten, die die Kinder in der Prozession verstreuen. Der Pfarrer trägt, von den Ministranten begleitet, die Monstranz unter dem von vier gestandenen Mannsbildern gehaltenen Himmel von Altar zu Altar; vorbei an den mit roten, aus den Fenstern gehängten Tüchern geschmückten Häusern. So ist es an diesem Tag überall in Oberbayern. Dort, wo die Menschen am See leben, steigen sie vielleicht in Boote, um die Prozession über das Wasser zu führen. Wie am Staffelsee. In rund 80 Booten nehmen die Gläubigen aus Seehausen Platz, nachdem der Pfarrer mit der Monstranz, den Himmelträgern, den Kommunionkindern, den Messdienern und den Blasmusikanten eine Fähre bestiegen hat. In feierlichen, wohlgesetzten Ruderschlägen geht es nun hinüber zur Jakobsinsel und auf die Wörth, wo die Altäre aufgebaut sind.

Die Lieder und Gebete klingen noch nach, als wir weiter wandern. Inzwischen hat der Frühling den Sommer
längst schon ins Land gelassen! Zu den Bergen zieht’s uns hin, und auf unserem Weg werden wir durch kleine Ortschaften und Städtchen kommen, werden hier verweilen und da schauen wollen. Vielleicht treffen wir auch auf Ludwig Steub, den Schriftsteller mit dem feurigen Blick unter den buschigen Augenbrauen, der das Voralpenland um 1860 schon durchwandert und beschrieben hat. Er ist ein leutseliger Wandergenosse, zuhause war er in der Schrobenhausener Gegend! Wer Zeit hat, möge doch dort einkehren in eine der Wirtschaften, um den Spargel zu bestellen, der in dieser altehrwürdigen Gegend jetzt überall aus den Boden spitzt.

Gut gespeist gilt unser Sehnen jetzt erst recht den Bergen in der blauen Ferne. Noch hallen die Trommelwirbel der Berchtesgadener Bergknappen über die grünen Kuppen heraus. Am frühen Morgen des Pfingstmontags sind sie wie jedes Jahr seit 1617 in das Kaiser-Franz-Sinkwerk zum Festakt des Bergknappenjahrtags eingefahren. Wenn sie sich danach im Freien zum Kirchenzug aufstellen, marschieren die Pioniere mit ihren gelben Lederschurzen über der Uniform voraus, die Bundaxt, das Horn, über der Schulter. Hinter ihnen hat sich der Tambourmajor mit seinen Trommlern postiert, gefolgt vom Kapellmeister und den Musikern. Das ist ein Schlagen, ein Schellen und ein Pfeifen! Eine Fahnenabordnung schreitet einher, zwei Männer schultern das Bergmandl, die hölzerne Figur eines den mit Salzsteinen beladenen Karren ziehenden Bergknappen. Alle haben zur Tracht den schwarzen Schachthut aufgesetzt, und die weiß-blauen Federbusche wippen im Rhythmus der Schritte.