Mit dem Sankt Georg den Frühling empfangen
Heidnischen Ursprungs, aber Ausdruck christlichen Glaubens: Diesen scheinbaren Gegensatz vereinen die Georgiritte in Oberbayern in sich. Auch wenn die Existenz des Drachentöters legendär ist, tut dies der großen Verehrung St. Georgs in Oberbayern keinen Abbruch. Die Volkskundlerin und Schriftstellerin Franziska Hager zweifelt daran, dass die Georgiritte im Chiemgau christlichen Ursprungs sind. Und so hält sie Georg für einen "heidnischen Schimmelreiter, der erst im Lauf der geschichte in den christlichen Himmel eingezogen ist". Der Name des Heiligen geht zurück auf einen in römischen Diensten stehenden Reiterhauptmann, der unter Kaiser Diokletian am 23. Tag des Ostermonds den Märtyrertod starb. Sein Namenstag am 23. April war für den bäuerlichen Stand ein wichtiger Lostag.
Dieser christliche Brauch der Verehrung des Heiligen Georg entstammt nach übereinstimmender Darstellung der Forscher heidnischen Kulten, wie dem Mithras-Kult, dem später auch die Bajuwaren geopfert haben. "Aber auch jene, die vor ihnen in diesem Land lebten, kannten mit Odin, dem Nachfahren Wotans, schon den Gotte auf dem Lichtross, der die Finsternis überwindet", schreibt Franziska Hager weiter. Das Christentum hat viele der überlieferten heidnischen Bräuche übernommen und sich nutzbar gemacht, was man demnach auch von den Georgiritten annehmen darf. Es gibt aber keine Anzeichen dafür, dass die tausendjährige Ettendorfer Kirche, auf einem Hügel nache der Stadt Traunstein gelegen, auf einer heidnischen Kultstätte erbaut worden sei, zumal sie dem Heiligen Vitus und Anna, aber nicht St. Georg geweiht ist.
Das erste Zeugnis eines Traunsteiner Georgiritts ist eine Kirchenrechnung aus dem Jahr 1762. Die folgenden
Jahre waren sehr turbulent, zumal Traunstein politisch zu Bayern, kirchlich aber zu Salzburg gehörte. Josephinismus und Säkularisation räumten mit den alten kirchlichen Bräuchen auf, und erst 1833, unter dem im Chiemgau hochverehrten König Ludwig I., wurden Wallfahrten, Prozessionen und Umritte wieder zugelassen. "Nach der Reichsgründung dümpelte der Ritt mehr oder weniger vor sich hin, ... um 1890 waren es einige wenige Bauern und Bürger, begleitet von St. georg und vier Engerln, die den alten Brauch aufrecht erhielten", berichtet der Lehrer und Historiker Willi Schwenkmeier, als Landsknecht selbst Teilnehmer des Ritts.
Den Weg zum wohl wichtigsten kulturellen Ereignis in Traunstein ebnete dem Ritt der 1891 gegründete St. Georgs-Verein, der freilich nicht immer verhindern konnte, dass der Ritt ausfiel - was an Kriegen und Seuchen lag, im Jahr 1955 aber auch daran, dass der Weg ums Ettendorfer Kircherl unpassierbar war. Auch die technische Revolution in der Landwirtschaft, die das Pferd nahezu unnötig machte, konnte den Georgiritt nicht verhindern. Alljährlich zu Beginn der Fastenzeit machen sich Mitglieder des Vereins auf in die Nachbargemeinden zum Rittbitten - ein Ansuchen, das keine Ablehnung kennt. Willi Schwenkmeier: : "Es sind deren Trachtengruppen und deren Bauernreiter mit ihren liebevoll geschmückten Pferden, die dem Ritt seinen Charakter von unverfälschtem Brauchtum geben, fern jeglicher folkloristischer Vordergründigkeit."





